Hauptziel ist Aufrechterhaltung der Produktion – Zwangsarbeit in Alfter 1939 bis 1945

Die Verwaltung legt ein unfassendes Gutachten zu Zwangsarbeit in Alfter vor

Mit großer Bestürzung haben wir die Ergebnisse des Gutachtens „Hauptziel ist die Aufrechterhaltung der Produktion“ zur Zwangsarbeit in Alfter von 1939 bis 1945 des Gemeindearchivars Jens Löffler zur Kenntnis genommen.
Es zeigt, an zeitgenössischen Dokumenten und Aussagen von Zeitzeugen belegt, eindrücklich, dass die Schrecken des NS-Regimes wie Zwangsarbeit und Willkür nicht nur in fernen Gebieten des ehemaligen „Deutschen Reichs“ und besetzten Gebieten stattgefunden haben, sondern auch hier bei uns in Alfter, in Gielsdorf, in Oedekoven, in Impekoven und Witterschlick mit ihren Ortschaften.
In landwirtschaftlichen und produzierenden Betrieben in unseren Straßen und in unserer Nachbarschaft wurden Menschen aus besetzten Gebieten unter menschenunwürdigen Bedingungen zur Arbeit gezwungen.
Einzige Maxime der menschenverachtenden und rassistischen Ideologie war die Aufrechterhaltung der Produktion. Die Bedingungen für diese Menschen waren in den Ortschaften der heutigen Gemeinde Alfter nicht weniger grausam, als in anderen Teilen des Landes. Etliche Fluchtversuche sprechen für Leid und Unrecht, welches den Menschen angetan wurde. Mindestens ein Zwangsarbeiter wurde auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Alfter ermordet, mutmaßlich, um ein Exempel zu statuieren.
Besonders betroffen macht uns der unmenschliche Umgang mit den Schwächsten und Wehrlosesten, mit Müttern und ihren Säuglingen. Um die jungen Mütter, ein Großteil von ihnen zwischen 18 und 24 Jahren alt, möglichst schnell wieder für die Zwangsarbeit heranzuziehen, wurde in Alfter eine sogenannte „Ausländer-Kinderpflegestätte“ eingerichtet. Junge Mütter wurden von Ihren Säuglingen getrennt, diese wurden unter schrecklichen Bedingungen in solchen „Aufzuchträumen für Bastarde“, wie vergleichbare Einrichtungen genannt wurden, sich mehr oder weniger selbst überlassen.
Unter erbämlichsten Bedingungen, Unterernährung, Mangel und katastrophalen Hygienebedingungen grassierten unter den Kleinsten Krankheiten und der Tod. Es bestand kaum die Möglichkeit zu Heizen, Rauchgase eines falsch montierten Ofens verpesteten die Luft, selbst frisches Wasser stand nicht zu jeder Zeit zur Verfügung – ohne dass Verantwortliche etwas wirksames dagegen unternommen hätten.
Dem Gutachten zur Folge sind mindestens 19 Säuglinge, 14 davon namentlich bekannt, in der „Äusländer-Kinderpflegestätte“ in Alfter oder an den Folgen der Unterbringung und „Pflege“ in dieser Einrichtung in umliegenden Krankenhäusern verstorben.
Christian Lanzrath, kommissarischer Geschäftsführer der SPD Alfter fasst die Gefühle der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten zusammen:
„Die Geschehnisse im dunkelsten Kapitel unserer Geschichte, auch hier in der heutigen Gemeinde Alfter, vor unseren Haustüren, machen uns fassungslos, traurig und zugleich demütig. Als Vater kleiner Kinder bin ich erschüttert über den menschenverachtenden Umgang mit Säuglingen, der im Rassenwahn dazu diente, die Mütter wieder möglichst schnell an die Zwangsarbeit zu schicken. Ohne Empathie, ohne Menschlichkeit, ohne Mitgefühl. Wir begrüßen die Initiative von Bürgermeister Dr. Schumacher, von Archivar Löffler und den anderen Parteien und Vereinigungen im Rat der Gemeinde Alfter, hier für Aufklärung und Dialog zu sorgen, ausdrücklich. Wir müssen uns auch in Alfter mit unserer Geschichte auseinandersetzen, um solche dunklen Jahre, die von politischen Kräften als „Fliegenschiss in der Geschichte“ heruntergespielt werden sollen, nie wieder erleben zu müssen. Oder wie Bundespräsident Steinmeier sagte: „Es genügt nicht, kein Rassist zu sein, wir müssen Antirassisten sein.“. Das ist das einzige Mittel, um Gedanken zu begegnen, die seinerzeit der „Ausländer Kinderpflegestätte“ den gedanklichen Boden bereitet haben.“
Gemeinsam mit den anderen Parteien und Vereinigungen im Rat werden wir nach würdigen Mitteln und Wegen des Gedenkens und des Dialogs suchen.
Zeitzeugen gesucht:
Wer die Forschung unterstützen und einen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten möchte, kann sich an Archivar Jens Löffler per Telefon 0228 6484-139 (nur montags) oder per E-Mail an archiv@nullalfter.de wenden. Auch eine individuelle Terminvereinbarung ist nach Rücksprache mit dem Archivar möglich.

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